mp3/Audio: „Terroristen tragen keinen Glitzer“ – Ziviler Ungehorsam bei „Ende Gelände!“ (ein politischer Hörtext)

„Terroristen tragen keinen Glitzer“ – Ziviler Ungehorsam bei „Ende Gelände!“ (ein politischer Hörtext)

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„Terroristen tragen keinen Glitzer“ – Ziviler Ungehorsam bei „Ende Gelände!“ (ein politischer Hörtext)

Stell‘ dir vor, du hast dich entschieden. Du hast es dir gut überlegt und willst es wagen. Hingehen. Reingehen. Ins Rheinland. In die Grube. Mitmachen bei „Ende Gelände!“

Dir stehen aufregende Zeiten bevor. Tage, die so aufwühlend sein werden, wie ein Kohlebagger. Und nach ein paar Stunden Zugfahrt bist du angekommen in der Zeltstadt. Tausende werden sich hier versammelt. Hier verwandeln sich Rücksicht und Respekt in Stärke und Entschlossenheit. Vor der Aktion steht die Gemeinschaft. Klimakamp, das heißt: zusammen.

Überall Fleiß und Tat. Als würden alle gemeinsam ein einziges Haus bauen. Gemeinschaftlichen Kochen für tausende Menschen. Spülen tausender Teller. Aufräumen. Toiletten putzen. Selbstorganisation. Und du stellst fest: Aktivist*in in der Klimabewegung zu sein, bedeutet vor allem: Kommunikation. Mit anderen, aber vor allem mit dir. Ständig fragst du dich, bin ich bereit? Bereit der Kohleindustrie zu sagen: bis hierhin und nicht weiter. Klar zu stellen: Hier ist “Ende Gelände!“.

Die Aktionsform „Ende Gelände“, die zum Ziel hat, Kohlegleise und -bagger zu besetzen und zu blockieren, in die Grube, also den Tagebau selbst einzudringen, damit die Kohle und das CO2 im Boden bleiben, wagt, wie vergleichbare politische Bewegungen, den zivilen Ungehorsam auch wenn das Strafe und Blessuren bedeuten könnte. Wie die anti-kolonialistische Befreiungsbewegung oder die Friedensbewegung, die Arbeiterinnen- und Arbeiterbewegung oder die Black-Power-Bewegung, die Frauenbewegung oder die Homosexuellenbewegung nimmt sie Straftaten, Polizeischläge und soziale Ächtung in Kauf, um nichts Geringeres als die Welt zu retten. Das klingt pathetisch. Und das ist es auch. Aber angesichts der Gelassenheit, mit der viele Menschen dem Klimawandel begegnen oder ihn ignorieren, ja sogar leugnen und der Tatenlosigkeit der politischen Klasse, ist mehr Pathos vielleicht genau das, was wir brauchen, denkst du.

Du merkst schnell: die Aktivist*innen fühlen sich verpflichtet, den Klimawandel einzudämmen, um dessen schlimmsten Folgen noch zu verhindern, Landstriche und Menschenleben zu retten. Der Staat, so sagen sie, tue zu wenig für den Klimaschutz. Und du denkst, dass stimmt. Und außerdem ist ja bald wieder Bundestagswahl. Und der Klimawandel scheint den Menschen nicht so wichtig. Also müssen die Aktivist*innen umso entschlossener agieren. Weil es in gewissen Situationen auch keine Kompromisse mehr geben darf. Wenn du Beifahrer bist und der Fahrer will gegen eine Mauer fahren, greifst du doch auch ins Lenkrad? Ziviler Ungehorsam, erkennst du, fällt dann leicht, wenn der Schmerz über die herrschenden Zustände größer ist, als der Schmerz der zu erwartende Strafe.

Das Camp ist wie ein brummender Ameisenhaufen. Überall Leute, Versammlungen, Workshops, Aktionstrainings. Es gibt immer etwas zu tun. Es gibt Hauptzelte und Nebenzelte. Infozelte, Versammlungszelte, Zelte für Begegnungen von Menschen aus unterschiedlichen politischen Bewegungen. Strom kommt aus einer Solarzellenanlage über der in großen Lettern steht: „Power to the people!“. Und der Strom wird mit anderen Camps in der Umgebung geteilt, die wiederum durch Fahrradwege miteinander verbunden sind. Die Leute flitzen hin und her. Und wer kein Fahrrad dabei hat, geht zu Fuß oder wird unterwegs aufgelesen. Und du merkst schnell, wie hoch im Camp der moralische Anspruch ist. Das Essen ist vegan. Aller Müll wird sofort aufgesammelt und passend entsorgt. Es gibt Kinderbetreuung. Rechtsberatung. Ein Team von Leuten, die darauf aufpassen, dass sich niemand unwohl fühlt. Niemand hier würde einem anderen Menschen vorschreiben, welche Kleidung er oder sie zu tragen hat – es sei denn, es wäre Kleidung, die andere Menschen herabsetzt oder vorsätzlich beleidigt. Und du sitzt da mit deinen Freundinnen und schaust zu, wie sie sich Nagellack und lila Glitzerstaub teilen und eine fragt dich, „willst du auch“ und du zögerst kurz irritiert, aber dir fällt nichts ein, was dagegen spräche und dann nimmst du zaghaft, weil ungewohnt, den kleinen Pinsel und trägst ihn auf deine Fußnägel auf und alle finden danach deine Füße schön. Und du denkst, dich selbst überraschend, „ja genau“. Aber auf den einen Zeh da könnte noch was drauf. Und du weißt, dass du einigen Mut zusammennehmen müsstest, um mit Nagellack auf den Fußzehen und Sandalen durch die Fußgängerzone deiner Heimatstadt zu gehen, weil du Angst haben wirst, dass dich jemand dumm anmacht und einschüchtert. Und genau das, denkst du, ist das Problem. Die Leute hier versuchen die Welt so vorzuleben, wie sie sie draußen außerhalb des Zeltplatzes gerne vorfinden würden. Das ist bewundernswert. Darauf lässt du dich gerne ein. Und du merkst: einerseits bis du nun im Camp. Aber du bist auch das Camp.

Gute Organisation; das bedeutet zahlreiche Besprechungen und Koordination. Die täglichen Plena finden im Hauptzelt statt. Es ist immer volles Haus. Im Plenum wird mit Handzeichen kommuniziert, weil ein Applaus, der aus lautem Geklatsche bestünde, die Kopfhörer der Übersetzungsgeräte der nicht-deutschsprachigen Gäste übertönen würde. Und abermals stellst du fest, wie ungemein praktisch Handzeichen in großen Menschengruppen sind. Auch deshalb, weil sie Zustimmung und Ablehnung jedes Einzelnen sichtbar machen. Im Klimacamp hängen viele Landkarten des Aktionsgebiets, die an militärische Übungsmanöver denken lassen. In der Mitte des Zeltplatzes werden weiße Overalls mit dem Schriftzug „Ende Gelände“ bedruckt. Hier werden viele helfende Hände benötigt, denn mehrere Tausende Ganzkörperanzüge sollen ausgegeben werden. Der weiße Overall ist zu einem Markenzeichen von „Ende Gelände“ geworden und soll dazu dienen, die Leute vor Kohlestaub zu schützen. Und schnell findest du dich in einer Reihe mit anderen wieder und druckst ein Emblem nach dem anderen auf weiße Rücken. Jemand fragt, ob du beim Spülen helfen möchtest – und du spülst. Würdest du mich gerne ablösen? Ja, klar. Warum eigentlich nicht.

Im Klimacamp gibt es viele Medienmenschen. Sie sind neugierig. Stellen meist immer die gleichen Fragen. Häufig kommt die Frage, warum die Aktivist*innen Straftaten und Ordnungswidrigkeiten begehen wollen. Aber nur wenige wollen sich vor der Kamera äußern. Sie haben Angst, erkannt und bestraft zu werden. Noch mehr Angst haben aber sie allerdings vor der Polizei. Vor allem diejenigen, die noch nie Polizeikontakt hatten und nicht wissen, wie sie in einer chaotischen und gewalttätigen Situation reagieren würden, fürchten sich vor Schlagstock und Pfefferspray-Einsätzen. Das ist normal, denkst du. Den Aktionskonsens hast du mit großem Interesse gelesen. Darin steht: „Wir werden uns ruhig und besonnen verhalten, von uns wird keine Eskalation ausgehen, wir gefährden keine Menschen. Wir werden mit unseren Körpern blockieren und besetzen. Wir werden dabei keine Infrastruktur zerstören oder beschädigen. Absperrungen von Polizei oder Werkschutz werden wir durch- oder umfließen und uns auf keine Provokationen einlassen. Unsere Aktion wird ein Bild der Vielfalt, Kreativität und Offenheit vermitteln.“

In eigenen Veranstaltungen wirst du nochmal über deine Rechte aufgeklärt und du lernst die Nummer des Ermittlungsausschusses auswendig, der dich im Ernstfall aus der „Zelle“ holen soll. Du liest die Rechtshilfebroschüre von „Ende Gelände“ und denkst, dass man alles, was da drin steht, auch einfach mal so wissen können sollte, wenn man nicht gerade plant, eine Kohlegrube zu besetzen. Seine Rechte zu kennen, ist schließlich nie verkehrt.

Und dann machst du dich bereit. Du organisierst dich in einer Bezugsgruppe. Eine Bezugsgruppe ist eine Gruppe von Leuten, die sich während Protestaktionen aufeinander verlassen können muss. Jede Bezugsgruppe hat einen Phantasienamen, so dass sich die Gruppenmitglieder in großen Menschenmassen leicht wiederfinden, wenn sie sich rufen. Jedes Bezugsgruppenmitglied bekommt ebenfalls einen besonderen Namen, so dass es von den anderen Gruppenmitgliedern schnell wiedergefunden werden kann – ohne erkannt zu werden. Deshalb kommt es bei Protestaktionen auch zu Situationen, in denen Leute Worte rufen wie „Gummibärchen“, „Rasselbande“ oder „Kunterbunt“. Und „Pipi Langstrumpf“ antwortet dann dem „Räuber Hotzenplotz“ und sagt, dass „Momo“ neben ihr steht. Je größer die Unsicherheit im Vorfeld, desto wichtiger ist die Gruppe und das Aktionstraining. Und du findest dich plötzlich mit einem Plastikrohr in der Mitte des Platzes, weil du nun der Polizist bist und in der rechten Hand hast du eine Sprühflasche mit Wasser, was Pfefferspray darstellen soll und du rufst zu den Protestierenden, die auf dich zulaufen zu „Halt, bleiben Sie stehen. Sie kommen hier nicht vorbei. Wir werden Gewalt anwenden.“ Und du stellst fest, dass die Mehrzahl der Demonstrierenden, die vor dir stehen, weiblich (gelesen) ist. Aber du bist jetzt Polizist und musst sie aufhalten und sie stürmen schnell auf dich zu, nein, vorbei und du schaffst kaum zwei Spritzer und höchstens zwei Schläge auf irgendwen und schon sind alle hinter dir versammelt. Keiner hat dich umgerissen. Ja, nicht einmal berührt. Ein wenig wie Football, denkst du. Nur haben alle den Ball und keiner ruft „Touchdown!“

Und du lernst die Handzeichen und Kommandos, die dafür sorgen, dass Gruppen, die aus mehreren hundert Personen bestehen, miteinander kommunizieren können. Vor allem der „Mic-Check“ hilft dabei, in Gruppen Informationen schnell und effektiv zu teilen. Hat jemand eine wichtige Nachricht für die Gruppe, so ruft diese Person „Mic-Check“ und in Wellen wird dieser Ruf dann weiter getragen bis er überall angekommen ist und alle wissen, dass gleich eine relevante Nachricht, die alle angeht, folgt. Ebenso wird mit der eigentlichen Nachricht verfahren. So gibt es keinen Augenblick, in denen du nicht weißt, was alle wissen. Das ist nicht nur praktisch, sondern auch vertrauenerweckend. Deshalb lässt du dich auch von der Polizei, die dein Camp umkreist wie Haifische eine Lachsfarm, nicht aus der Ruhe bringen. Und du schaust einem Polizeiwagen zu, und merkst, dass es den gleichen Feldweg hoch und dann wieder runter fährt. In 20 Minuten mindestens dreimal denselben Kilometer und du denkst: „Polizei sein, das heißt warten.“ Und Polizei sitzt immer irgendwo. Oft hinter Büschen. Ein Polizeiauto ist das erste was du siehst, wenn du morgens aus dem Zelt gekrabbelt bist.

Die Aktionsform „Ende Gelände“ erinnert dich an ein Kinderspiel aus deiner Kindheit: es heißt „Räuber und Gendarm“. Nur ist „Ende Gelände“ wesentlich komplexer. Zieht ein Aktionszug von „Ende Gelände“ los, wird dieser als „Hand“ bezeichnet. Diese Hand besteht aus mehreren „Fingern“. Jeder Finger wird aus den Bezugsgruppen gebildet, die meist aus 4 bis 10 Personen bestehen. Den Fingern werden Farben zugeordnet und durch Fahnenträger*innen angeführt. Trifft die Hand auf die Polizei, teilen sich die Finger auf. Da die Polizei oft eine Kette bildet, um das Zielgebiet der Besetzung abzusperren, spalten sich die „Finger“, bevor sie die Kette erreichen wieder in die Bezugsgruppen auf – und zwar solange, bis der Abstand zwischen denn nebeneinander stehenden Polizistinnen und Polizisten so groß geworden ist, dass alle Protestierenden einzeln durch die Lücken der Polizeikette „hindurchfließen“ können. Da die Protestierenden, die Felder der Bauern schützen wollen, marschieren die „Finger“ gerne Feldwege und Straßen. Das macht es der Polizei leicht sie festzusetzen. Werden die Protestierenden von der Polizei gestoppt, kommen die Delegierten der einzelnen Bezugsgruppen zusammen und beraten, wie es weitergehen kann. So kommt es, dass manchmal Straßen stundenlang blockiert sind, weil die Beratungen der Delegierten andauern. Die Blockade geht dabei oft von der Polizei aus, die weder Pkw noch LKW durch ihre Kette lässt. Da sich die Protestierenden dann zwischen Polizei den Autos befinden, kommt es in der Wahrnehmung der wartenden Autofahrer*innen oft zu Missverständnissen. Wer hier eigentlich wen blockiert, ist dann unklar. Auf die Idee, ihr Auto zu verlassen, um mal nachzusehen, was Sache ist, kommen die wenigsten.

Ebenfalls zu Missverständnisse und zur Äußerung von handfesten Meinungsverschiedenheiten kommt es, wenn du als Gruppe von Klimaschützerinnen und Klimaschützern im Zug zufällig auf alkoholisierte Fans des 1. FC Köln triffst, die gleichzeitig RWE-Angestellte sind. Diese sagen dann nämlich zu den Protestierenden provozierende Sätze wie „Geht doch erst mal arbeiten“, „Protestiert doch in China“, „Wollt ihr, dass wir arbeitslos werden?“, „Was mich stört, dass bei euch auch Franzosen dabei sind“, „Ihr habt doch sowieso keine Ahnung“ „Ihr seid doch alles Terroristen.“ Aber Terroristinnen und Terroristen tragen keinen Glitzer, denkst du. Und du versuchst trotz der hitzigen Debatte cool zu bleiben, was nicht einfach ist, weil die RWE-Muckel so laut auf dich einreden und alle auf einmal. Und aus irgendeinem Grund denkst du plötzlich an Jesus Christus, was bestimmt an deiner christlichen Sozialisation liegt und du fragst dich, ob sie zu ihm dasselbe gesagt haben: „Geh‘ doch erst mal arbeiten!, „Schneid dir mal die Haare!“, „Geh‘ doch zurück nach Nazareth!“ Und nahm nicht auch Jesus die Verachtung und seine Kreuzigung in Kauf, um „hinwegzunehmen, die Sünden der Welt?“ Wann betrachtet ein Mensch eigentlich zivilen Ungehorsam als legitim? Und dann passiert etwas Wunderbares, denn RWE/Köln-Fans und deine Klimagruppe wird sich auch mal einig. Und zwar darüber, dass Protestierende wie Fußballfans nicht pauschal als gewaltbereite Spinnerinnen und Spinner diskreditiert werden sollten nur weil einige wenige denken, Gewalt sei eine passende Antwort auf aktuelle Probleme. Und beide Gruppen finden, dass die Politik den Strukturwandel in der Region nicht genug vorangebracht oder gar verschlafen habe. Man kann eine harte Auseinandersetzung führen und sich dann mit einem Handschlag verabschieden, auch wenn der Erstkontakt Schlimmes verspricht. Und einige Klimaschützerinnen und Klimaschützer reichen den RWE-Mitarbeiter*innen, bevor sie den Zug verlassen, die Hände.

Und dann geht es los. Es ist eine Bullenhitze. Und du hast schon ein wenig Mitleid mit der Polizei, die in voller Kampfmontur neben dir herläuft und ständig bemüht ist, deinen Finger einzuholen. Und alle bleiben zusammen „Stick together!“ Und alle achten aufeinander „Drink water!“ Und deine Bezugsgruppe ist phantastisch „Alles ok mit dir?“. Über dir der Hubschrauber und vor dir und hinter und neben dir weiße Anzüge und Kameras. Und wenn du es nach einem lange Fußmarsch den Schlagstöcken ausgewichen und es durch ein endlos hohes Dornengeschstrüpp trotz eines steilen Hügels auf die Schienen geschafft hast, und ein Ausruf der Freude erschallt, der da lautet „We did it!“, es Konfetti regnet und sich alle umarmen, dann spürst du weder deine zerkratzen Beine noch die aufgeschürften Knie, sondern nur Erleichterung darüber, dass niemand verletzt worden ist. Du platzierst den Strohsack, den du die ganze Zeit mitgeschleppt hast, auf das Gleis, der Schweiß rinnt dir den Rücken herunter und plötzlich reicht dir jemand ein Stück Schokoladenkuchen.

Du suchst deine Wasserflasche, die du mitgebracht und eines von den Broten, die du dir geschmiert hast und schaust dich das erste Mal um. Eingekreist von Polizei beginnt das warten. Und während du nun Zeit hast, dir alle Polizistinnen und Polizisten genauer anzuschauen und die Zeit verrinnt, kommt dir die Situation auch wein wenig traurig vor. Ganz so als ob alle in einer Rolle gefangen sind, die keiner so richtig wollte. Und du bekommst ein wenig Gewissensbisse darüber, dass du die Polizei derart beschäftigst, obwohl es da draußen viel schlimmere böse Buben gibt, als dich kleinen Klimaschützer. Und du willst das dem Polizisten vor dir auch sagen, aber seine ernste Miene schreckt dich ab und du nimmst dir vor, zu recherchieren, ob es ein Buch gibt, dass heißt: „10 Spiele, die man mit der Polizei spielen kann, wenn eine Besetzung mal wieder länger dauert.“

Aber so richtig langweilen tust du dich nie. Dafür ist die Situation viel zu spannend. Denn die Leute, mit denen du unterwegs sind, sind ein Feuerwerk. Es wird gesungen und viel gelacht. Jemand hat eine kleine Musikanlage mitgebracht und viele sitzen plötzlich nicht mehr auf dem Gleis, sondern zu Homo-Hymnen wie I am what I am von Gloria Gaynor, Hot Stuff von Donna Summer und It’s Raining Men von den Weather Girls. Und hat der Polizist da hinten gerade geschmunzelt? „Der süße Polizist dahinten hat mir gerade seine Nummer gegeben“, flachst ein Besetzer. Sie lautet: „J35219“. Und alle lachen. Und du schaust wieder den Polizisten vor dir an und denkst: „Do you really want to hurt me?“ Und steht dahinten nicht der Toni Hofreiter, Bundestagsabgeordnete von den Grünen? Und ist das nicht eine Bundestagsabgeordnete von den Linken, die Kathrin Vogler? Und einer der Grünen informiert dich über den aktuellen Stand der Gespräche mit der Polizei. „Das ist wirklich typisch“, sagt er. „Der queer-feministische Finger tanzt auf den Gleisen und der rote Finger schreibt ein Manifest.“ Ein Brüller. Als „parlamentarische Beobachterinnen und Beobachter“ wollen die Abgeordneten deeskalierend auftreten und versuchen zwischen den Protestierenden und der Polizei zu vermitteln. Sie wirken beruhigend auf dich. Denn unter deren Augen wird wohl kaum jemand Pfefferspray einsetzen, oder? Und es macht dich plötzlich auch nicht mehr nervös, dass die Polizei gemeinsam mit RWE-Mitarbeitern einen Personalzug samt Wagen vor dir aufgefahren hat, um dich abzutransportieren. Statt dessen hältst du unverhofft ein Stück Pizza in den Händen. „It´s Pizza! From the Camp“ ruft jemand beglückt und „I can´t believe it!“ Mit ernster Miene lehnt die Polizei angebotene Pizzastücke ebenso ab, wie Flaschen des Mineralwassers, das durch Freiwillige angeliefert worden ist.

Und dann ist es so weit. Nur einige Stunden nach der Erstürmung der Gleise beginnt die Räumung. Zwei, drei Polizistinnen und Polizisten treten zu jeden einzeln heran und fragen laut: „Sprechen Sie deutsch. Kommen Sie freiwillig mit oder sollen wir ihnen helfen. Dann stecken sie dir ihre Schlagstöcke oder ihre Arme unter die Beine und Achseln und tragen dich einfach weg. Und du beschließt die letzten Meter zum Zug doch selbst zu gehen und du hältst deine Handflächen nach oben als Zeichen der Kooperation und der Aufgabe. Und dann sagt der Polizist der dich auf deiner linken Seite flankiert direkt ins Gesicht, was dich so irritiert, dass du nicht antworten kannst:„Entspann´dich Junge“, sagt er. „Niemand mag fossile Brennstoffe. Danke, dass ihr das macht“. Und weil du so nervös bist, schaffst du es nicht einmal ihn anzuschauen. Was für ein unbeschreiblich toller Moment. Du erlangst den Glauben in die Menschheit zurück. Alles ist mit allem verbunden und es gibt noch Hoffnung.

Und du fährst mit dem Zug von RWE und zahlreichen Polizeikräften zu einer improvisierten Gefangenensammelstelle, die sich auf RWE-Gelände befindet und nur aus geparkten Polizeiwagen besteht. Um dich herum 30 bis 40 Polizistinnen und Polizisten, die dich anschauen, als wärst du gerade vom Mars gekommen und mit dem Raumschiff gelandet. Ständig kommen mit dem Zug neue Gefangene, die euphorisch begrüßt werden. Und einige der Festgesetzten beginnen mit Yoga Und weil alles Insgesamt so lange dauert, müssen viele aufs Klo. Aber die Polizei lässt immer nur eine Person gehen und gar niemanden, wenn ein weiterer Zug mit Geräumten eintrifft, so dass einige der gefangenen Frauen beginnen in eine Ecke der Gefangenensammelstelle zu pinkeln. Dabei halten sie eine Decke hoch, die den Blick der männlichen (gelesenen) Polizisten draußen halten soll. Die kommen natürlich sofort an und fragen, warum das Gepinkel. Und es gibt eine Diskussion, die die tapferen Pinklerinnen gewinnen. Selber schuld, denkst du, und beschließt nachzulesen, ob die Polizei so mit Menschen überhaupt umgehen darf. Und schließlich, nach Stunden, wirst du in einen Bus verladen. Und wenn du fragst wohin du gebracht wirst, dann Antwortet dir der Polizist nicht. Und er sagt dir auch nicht wie lange die Reise dauert. Auch dann nicht wenn du dringend auf die Toilette musst und wissen willst, wie lange du noch aushalten musst. Und nein, in eine Flasche darfst du auch nicht pinkeln, falls der Augenblick dafür käme.

Und dann kommst du an im Polizeipräsidium Aachen und der Bus steht endlich und davor stehen zahlreiche junge Polizistinnen und Polizisten, die aussehen, als hätten sie gerade erst mit der Ausbildung angefangen und ein Polizist, der erfreulicherweise nicht wie ein Roboter aussieht ruft den Festgesetzten im Bus zu: „Ich sage Ihnen jetzt, was Sache ist: wir machen jetzt von jedem einzelnen von Ihnen ein Foto und dann werden sie aus der Obhut der Polizei entlassen oder sie können, wenn sie wollen erkennungsdienstlich behandelt werden.“ Und alle schauen irritiert. Und als das für alle auch ins Englische übersetzt wurde, schauen alle noch überraschter.

Und bevor du gehst und du vor dem Haupteingang von Freundinnen und Freunden erwartet wirst, umarmst wirst, geherzt wirst und gefragt wirst, wie es dir geht und du dein Glück kaum fassen kannst, führt dich noch einer der jungen Polizisten zu einem Dixi-Klo öffnet dir die Tür und sagt lieb: „Enjoy“ und auf dem Weg zurück, bevor das Foto gemacht wird fragt er dich noch nett woher du kommst und sagt dazu, dass man das ruhig sagen könne, er wolle das nur aus Interesse wissen, weil er neugierig sei und du kannst nur auf Englisch sagen „Germany“.

Und draußen vor den Toren des Präsidiums wird getanzt. Jemand geht herum und verteilt kleine Karten auf denen haben Leute, die im Klimacamp geblieben sind, Botschaften geschrieben und auf deiner Karte steht: „Ich sehe euch gerade im Live-Stream im Camp. Es ist so mutig und bewundernswert, was ihr macht. Ich bin im Herzen bei dir. Bleib stark. Hör auf dein Herz.“ Und dir steigen Tränen in die Augen vor Freude und Dankbarkeit. Und als du wieder im Klimacamp ankommst, klatschen die Leute. Sie umringen dich und stellen Fragen voller Anteilnahme.

Was für ein Tag. Was für eine Bewegung. Und du hoffst, dass es allen so gut ergangen ist, wie dir. Das möglichst wenige betraft werden für ihren zivilen und gewaltlosen Ungehorsam. Und das die vielen anderen Menschen da draußen, mitbekommen, wie das alles so war im Rheinland. Das es jemand gehört hat, da draußen. So dass vielleicht doch alles mal besser läuft mit dem Klimaschutz und dem Weltretten. Und das bald Schluss ist mit dem Braunkohleabbau. Sozusagen „Ende Gelände“.

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