„Die Wissenschaftskommunikation reicht noch nicht“ – Leandra Praetzel (Scientists For Future, Uni Münster) im Interview

Leandra Praetzel arbeitet am Institut für Landschaftsökologie der #Universität #Münster mit dem Schwerpunkt „Ökohydrologie und Stoffkreisläufe“. Seit Jahren setzt sie sich – unter anderem bei #Fossil Free – für mehr Klimagerechtigkeit ein. Im Interview erläutert sie, was die #FridaysForFuture-Bewegung ausmacht und warum ziviler Ungehorsam notwendig ist. Von der Universität fordert sie mehr Mittel für die Wissenschaftskommunikation und in Sachen Klimaschutz eine engere Zusammenarbeit mit der Stadt.

1. Die aktuelle weltweite soziale Bewegung sorgt für viel Engagement und Solidarisierung vor allem zwischen jungen Menschen. Gibt es Parallelen zu anderen großen sozialen Bewegungen oder Protestaktionen (z.B. 68er Revolution)?

Leandra Praetzel: Die 68er-Bewegung war in Deutschland eine herrschaftskritische, antifaschistische und marxistische Emanzipationsbewegung, deren Motor einige Studierende und Wissenschaftler*innen waren, die eine antiautoritären und antikapitalistischen Gesellschaft zum Ziel hatten. Fridays for Future findet zwar auch maßgeblich auf der Straße statt, wird aber von einer wesentlich jüngeren Generation getragen und reicht deshalb viel weiter in die Gesellschaft hinein als es bei der 68er-Bewegung der Fall war. Fridays for Future und der Klimagerechtigkeitsbewegung kritisiert maßgeblich das auf Wachstum basierende Wirtschaftsmodell und den damit einhergehenden CO2-Ausstoß. Diese Bewegung übt Gesellschaftskritik, weil sie das Konsumverhalten der Menschen in den Mittelpunkt rückt und kritisiert gleichzeitig die Produktionsweise, weil diese den Planeten langfristig zerstört. Während die 68er sich selbst als außerparlamentarische Opposition verstanden, fordert Firdays for Future die Politik zum Handeln auf. Fridays For Future fordert dabei kein alternatives Gesellschaftsmodell. Zumindest noch nicht.

2. Kann mit zivilem Ungehorsam etwas erreicht werden? (politisch oder wirtschaftlich). Welche Folgen/Nachteile/Gefahren kann der zivile Ungehorsam haben?

Ziviler Ungehorsam ist die bewusste Überschreitung eines Gesetzes, um auf einen Missstand hinzuweisen. So werden Handlungsräume einer Gesellschaft erweitert, weil Handlungen, die vorher undenkbar waren, ermöglicht werden. Als Rosa Parks sich nach vorne in den Bus setzte und Gandhi eine Hand voll Salz aufhob, taten sie genau das. Diese Handlungen haben wahrscheinlich nicht alleine zum Erfolg der Bewegungen geführt; aber sie haben den Forderungen die nötige mediale Aufmerksamkeit geschenkt und gezeigt, dass Menschen für ihre Rechte und Forderungen – stellvertretend für andere – auch bereit sind, Risiken einzugehen.


3. Für wie dauerhaft bzw. nachhaltig schätzen Sie die aktuellen Streiks/Demos/Straßenbesetzungen ein?

Wenn man sich die Entwicklung in der Klimagerechtigkeitsbewegung der vergangenen Jahrzehnte anschaut, die ja nicht mit Fridays for Future begonnen hat, kann ich eine gewisse Eskalation beobachten, die noch nicht zu Ende ist. Heute gehen die Aktivist*innen nicht nur in die Grube und blockieren fossile Infrastruktur, sondern sie blockieren auch öffentliche Infrastruktur. Fridays For Future hat es geschafft, den inhaltlichen Diskurs in die Öffentlichkeit zu tragen und zur Generationenfrage zu erklären. Das wird so schnell nicht verschwinden. Gleichzeitig wird das Problem der Klimakrise mit den Jahren immer größer werden, so dass der Bewegung ein medialer und gesellschaftspolitischer Resonanzboden sicher sein wird. Viele Aktive von FFF sind noch sehr jung und stehen erst am Anfang ihrer Politisierung. Außerdem ist die Bewegung sehr weitreichend und vielfältig. Darin sehe ich ein großes Potential, aus dem noch zahlreiche Forderungen entstehen werden.

4. Was kann dadurch erreicht werden? Politische Handlungen? Wirtschaftliche Konsequenzen?

Im Idealfall erreicht es Gesetzesänderungen, die dazu führen, dass wir die globale Klimaerhitzung auf unter 1,5 Grad Celsius begrenzen.


5. Warum ist das Thema Klima- und Umweltschutz gerade jetzt auf der Agenda der jungen Menschen? Es gibt doch schon seit vielen Jahren den Apell rund um Klima-, Umwelt- und Artenschutz. Was ist jetzt anders. Gab es Auslöser (Greta, Trumps Ausstieg aus der UN-Klimakonvention…)?

Weil wir es als Wissenschaftler*innen nicht vermocht haben, das Thema so stark in den öffentlichen Fokus zu rücken, wie es Greta Thunberg getan hat. Greta Thunberg hat einen Ton getroffen, der dazu geführt hat, dass Menschen sich betroffen und schuldig gefühlt haben. Deshalb haben sich viele Schüler*innen und Erwachsene mit ihr solidarisiert und sich dem Protest angeschlossen. Dass junge Menschen eine lebenswerte Zukunft für sich und weitere Generationen einfordern, entfaltet eine große Wirkungsmacht, die wir auch brauchen, weil schon jetzt Menschen auf der Welt unter der Klimakrise leiden.

6. Welche Rolle/Verantwortung hat Münster / die Universität / Wissenschaft (scientist for future)?

Scientist for Future sieht sich als Wissensvermittler, um die Aktiven bei Fridays For Future bei ihren Forderungen zu unterstützen und eine breite Öffentlichkeit über die Ursachen und Folgen der Klimakrise aufzuklären. Dieses Ziel müsste eigentlich das Ziel von Wissenschaft generell sein. Dass wissenschaftliche Erkenntnisse stärker als bisher in die Gesellschaft hineinreichen. Dies ist momentan kaum möglich, weil wissenschaftliche Karrieren von der Reputation in Fachkreisen und Publikationen in wissenschaftlichen Zeitschriften abhängen. Würde die Universität Münster Mittel zur Verfügung stellen, um die Wissenschaftskommunikation nach außen zu fördern, würde sie gesellschaftspolitisch eine größere Rolle zu spielen. Auch könnte die Uni mit der Stadt Münster klimapolitisch enger zusammenarbeiten. Wir haben das Know-How, die Klimakrise vor Ort zu bekämpfen. Es mangelt nicht an Wissen, sondern es mangelt an der Umsetzung. Die Wissenschaft müsste viel stärker auf die Dringlichkeit der Situation und des Problems verweisen.

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