Interkulturelle Kompetenz in der Flüchtlingsarbeit

Missvrständnisse
Schlaglöcher des interkulturellen Austauschs

Es war im Februar, da besuchte ich einen Workshop zum Thema interkulturelle Kompetenz. Das war höchst spannend. Und es hat mir vor wieder einmal vor Augen geführt, dass Kultur vor allem etwas ist, dass wir kaum bewusst wahrnehmen, weil wir es beinahe selbstverständlich praktizieren.

Wo der eine Hände zur Begrüßung schüttelt, berühren andere ihre Nasen. Wo die einen offensiv Flirten, tauschen andere nur verstohlene Blicke. Wann ist eine Lüge eine Lüge? Was bedeutet: pünktlich? Gilt Eigenverantwortung oder Kollektivverantwortung? Wie sind in einer Familie die Rollen verteilt? Das alles beantworten die Menschen auf der ganzen Welt auf ihre Weise und all das ist Kultur. Wenn man das weiß, setzt man seine eigene Kultur nicht absolut, sondern in Relation mit der Kultur der anderen.

Manche teile der Kultur kann man sehen, andere nicht. Kleidung und Sprache ist auffällig und wird meist schnell zugeordnet. Erziehungsstile, Zeitverständnis, das Verständnis von Freundschaft, Zugehörigkeit und Zusammensein sind kulturelle Gegebenheiten, die man erforschen und kennenlernen muss. Das dauert. Denn unsere Subjektivität überlagert ständig was wir sehen.

So hat mit ein Kollege, der auch in der Flüchtlingsarbeit tätig ist, erzählt, dass er einen jungen Syrer zu sich nach Hause zum Essen eingeladen hatte. Er war verunsichert und wusste nicht, ob es sich schickte, den jungen Mann nach seiner Fluchtgeschichte zu befragen. Insbesondere die Bilder aus dem Fernsehen, die wir alle kennen, brachten ihn dazu, sich die schlimmsten Schrecken auszumalen. Schließlich fragte er ihn doch: „Wie bist du nach Deutschland gekommen“, fragte er. Und der geflüchtete junge Syrer antwortete: „Mit dem Flugzeug.“ Also vorsicht mit den Bildern im Kopf! Und so wie manch ein Verhalten befremdlich wirken kann, kann auch das eigene Verhalten befremdlich wirken. So wie es beispielsweise auf mich befremdlich wirkt, wenn Menschen auf Konzerten ihre Taschentelefone hochhalten, um die Bühne zu filmen.

Mir ist aufgefallen, dass die Teilnehmer bei dem interkulturellen Workshop mehrheitlich weiblich waren; auf 21 Frauen kamen nur vier Männer. Nicht nur deshalb waren die Frauenrechte und die Grenzen der Toleranz/Akzeptanz ein wichtiges Thema  in der Runde. Wann muss man sagen: halt, so nicht? Wenn ein muslimischer Vater seiner Tochter verbietet zu studieren, weil sie eine Frau ist und kein Mann; soll man dann diese Kultur akzeptieren? Meine Position? Da es auch in der islamischen Kultur von engagierten Menschen die Gleichstellung der Frau gefordert wird, würde ich es als Verrat an diesen Menschen empfinden, würde ich es akzeptieren, dass Mädchen benachteiligt werden. Und sind nicht auch Frauen – beispielsweise aus dem Iran – gerade wegen der Unterdrückung der Frau geflüchtet? Also, ja, es gibt Grenzen, aber deshalb muss man nicht jedem unterstellen, sie brechen zu wollen und sich nicht gegenseitig den Kopf einschlagen. Ich bin da eher ein Befürworter von Aushandlungsprozessen. Meine Kritik an der Religion an sich ist, dass sich die Gläubigen oft nicht auf diese Prozesse einlassen und Glaube eher auf Gefühlen und Meinungen als auf Vernunft basiert. „Man hat eben nicht die gleichen Bücher gelesen“, wie Umberto Ecco sagen würde.

Aber zurück zur Veranstaltung, die ich besucht habe. Denn die Organisator*innen der Veranstaltung darauf wert gelegt, dass die Teilnehmer*innen die Geschichte ihrer eigenen Familie kennen. Und das half tatsächlich, Vorstellungswelten und Klischees in Frage zu stellen. Denn die Geschichte der eigenen Familie steht im Kontrast mit den Bildern, die wir von uns selbst haben.

Deshalb möchte ich gerne mit euch 1. die Literaturliste teilen, die ich von den Veranstalter*innen erhalten habe UND euch auf die Veranstaltungsreihe aufmerksam machen. Vielleicht sind ja noch in der ein oder anderen Veranstaltung Plätze frei oder die große Nachfrage bewegt die Stadt Münster, eine weitere aufzulegen.

P.S.: „In Münster leben ca. 61.000 Frauen, Männer, Mädchen und Jungen mit Migrationsvorgeschichte. Sie oder ihre Eltern wurden in einem anderen Land geboren. Das sind über 23% aller Münsteranerinnen und Münsteraner. Sie kommen aus mehr als 140 Ländern unserer Welt“, schreibt die Koordinierungsstelle für Migration und interkulturelle Angelegenheiten. Wie viele Geschichten! So viel zu entdecken. Was für ein Reichtum!

 

 

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