Quelle: Christine-Koch-Mundartarchiv

„Zwischen Birkensaft und Heldenblut“ – Gedanken zur Umbenennung der Christine-Koch-Schule in Schmallenberg

Nach wem sollte eine Schule benannt sein? Am besten nach einer bekannten Persönlichkeit, der es nachzueifern gilt, oder? Nach jemandem, der der Jugend ein Vorbild sein kann. Trägt eine Schule den Namen einer Person, ist damit immer eine Ehrung verbunden. Ich war zum Beispiel auf der Konrad-von-Dürn-Realschule in Walldürn. Geboren im Jahr 1193 n. Chr. war Konrad von Dürn ein Ritter, der in ein reiches Adelsgeschlecht einheiratete. Er baute ein paar Burgen und Klöster und gründete einige Städte; darunter Walldürn, meine Heimatstadt, die noch heute seinen Namen trägt. Wollte ich nun Ritter werden? Nein. Wollte ich eine Burg bauen oder ein Kloster gründen? Nein. Habe ich mich ernsthaft mal mit dem Namen auseinandergesetzt? Leider auch nein.

Es kommt mir nicht außergewöhnlich vor, dass Schüler*innen nicht wissen, nach wem ihre Schule benannt ist, es sei denn, es ist eine wirklich bekannte Persönlichkeit wie Anne Frank oder Willy Brandt. Hätte die Schule Lisa-Simpson Realschule geheißen, ich hätte als Schüler wohl eher was damit anfangen können. Und es sind ja nicht die Schüler*innen, die ihrer Schule den Namen verleihen (wobei das vielleicht eine reizvolle Idee wäre), sondern die sogenannten Erwachsenen.

Einige Erwachsene haben irgendwann einmal der Hauptschule in Schmallenberg den Namen Christine-Koch-Schule gegeben. Diese war keine Ritterin ohne Furcht und Tadel wie der Konrad, sondern eine westfälische Mundartdichterin erster Güte. Als Grüner Bürgermeisterkandidat liest man natürlich ziemlich viel über die Stadt, in der man kandidiert und da ich ein Auge für Literarisches habe, ist mir Christine Koch sofort aufgefallen. Ihre Gedichte haben mich sehr berührt. Sie sind überaus liebevoll. Man könnte sagen: anteilnehmend tröstlich, wie die warme Hand einer kümmernden Mutter. Manche würden sagen: das ist aber kitschig. Aber andere würden sagen: eine solche Heimat will ich haben und eine solche Wärme in meinem Innern spüren. Eine solche Dorfkindheit will ich meinem Kinde bieten. Was für eine herrliche Natur, die es da gibt im Sauerland. Wo darf ich unterschreiben?

Da wundert es nicht, dass im Hochsauerland noch vielerorts Schulen und Straßen nach Christine Koch benannt worden sind. In Schmallenberg gibt es nicht nur die Christine-Koch-Schule, sondern auch die Christine-Koch-Gesellschaft. Und das ist der laut Wikipedia größte Literaturverein in NRW. Und ich hätte das auch einfach so bewenden lassen. Und der Bildband, den ich in der Hand und in dem Christine Koch für ihre Naturbeschreibungen über den grünen Klee gelobt wurde, war auch ganz nett. Ja, ich hätte es dabei bewenden lassen können. Aber Pustekuchen. Nach 5 Minuten Internetrecherche musste ich feststellen, dass Christine Koch, geboren am 1869 in Eslohe, Lehrerin und erste Trägerin des Klaus-Groth-Literaturpreises nicht nur Heimatgedichte verfasste, sondern handfeste, rassistische, kriegsverherrlichende und führerkultige Naziliteratur.

Aus:

Wenn die Schmetterlinge fliegen, wenn die Flötepfeifen geh’n,

Wenn die Schwarzdornhecken in Blüte steh’n,

Wenn der Birkensaft schmeckt wie Tokaierwein:

Wie schön ist es dann, ein Dorfkind zu sein.

Wurde schon im Jahr 1933

„Wir aber, die leben, sind ihre Erben,

Erben von Treue und Heldenblut.

Und ginge eine Welt darüber in Scherben:

Ungebrochen bleibt deutscher Mut.“

Und aus:

Wir haben drei Linden beim Hause,

Die sind so alt und klug,

Die sagen mir mit ihrem Gesause

Mehr als das dickste Buch.

Wurde ebenfalls 1933:

„Dann warf uns die Welt die Brandfackel hin …

Im Geiste der alten Germanenrecken

hieß es, die Feinde zu Boden strecken,

wie’s uns die Väter gelehrt.

Der Übermacht dann endlich erlegen,

kehrten sie heim auf trostlosen Wegen,

besiegt zwar, doch nimmer entehrt.

[…] Heil Deutschland! auch dir wird dein Recht.

Hieß es vorher noch:

Auf stillen Wegen geh’ ich ganz alleine,

Und tausend Wunder kommen auf mich an.

Sie ranken sich um Felsen und um Steine

Und schwingen sich zu luftiger Schwebebahn.

Hieß es im Jahr 1934:

„In Treue verbunden,

von Liebe umschlungen,

der Scholle verschworen,

die uns geboren,

stolz weich und hart ist deutsche Art.

Ein Volk, ein Land, ein Führer, ein Band,

für alle was deutsch und stammenverwandt.“

Zum Thema Geschlechterverhältnisse äußerte Christine Koch im Jahr 1934 folgende Ansicht:

Dienst am Kinde

ist Dienst am Mann,

Dienst an der Mutter,

an Volk und Stamm,

Dienst am Volke ist Gottesdienst.

Segen wächst, wo so du dienst.

In dem Gedicht Deutsche Frauen, dass 1940/41 in einer dritten Fassung erschien, dichtete sie:

(…)Und Mütter geben klaglos ihre Söhne,

und Frauen ihre Männer in den Krieg.

Nach innen nur fließt still die Abschiedsträne,

im Auge leuchtet hell der Glaube an den Sieg.

Wer zählt die Schar der treuen Helferinnen,

die unermüdlich Wunde und Kranke pflegen,

die Deutschlands Kinder hüten, die dem Ganzen dienen,

indem sie schaffensfroh die fleißgen Hände regen!

Sie alle kämpfen mit im großen Heer

für Deutschlands Schutz, für Deutschlands Sieg und Ehr.

Und nun nochmal die Frage: nach wem sollte eine pädagogische Einrichtung benannt werden? Wie groß darf eine Verfehlung, wie hoch darf die Fallhöhe einer Dichterin sein, so dass eine Umbenennung gerechtfertigt scheint?

Im jahr 2020 war die Fallhöhe offenbar erreicht. Es hat lange gedauert, aber nun haben die Lehrer*innen- und Schulkonferenz sowie der Stadtrat einstimmig beschlossen, dass die Schule umbenannt wird. 2014 war dies noch vom Stadtrat abgelehnt worden. In der Zeitung Westfalenpost fiel die Begründung für die nun stattfindende Namensänderung diplomatisch aus. Zu oft werde die Schule mit der Christine-Koch-Schule in Eslohe verwechselt. Außerdem sei Frau Koch aus dem Bewusstsein der Schüler*innen verschwunden. Eine Auseinandersetzung mit ihren Texten gebe es nicht mehr. Außerdem sei Christine Koch „als Person ja nicht umunstritten“. In dem Artikel fällt auf, dass mit keinem Wort erwähnt wird, warum das so ist. Dabei wäre eine naheliegende Begründung, dass der Name Christine Koch mit einer Schule, die seit April 2020 aktiv am bundesweiten Schulnetzwerk „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ teilnimmt unvereinbar ist. So schreibt die Christine-Koch-Schule selbst auf ihrer Homepage: Wir wenden uns gegen jede Form von Diskriminierung, Mobbing und Gewalt! Wir setzen uns aktiv für ein tolerantes Miteinander ein – in unserem Schulalltag, aber auch darüber hinaus! Denn: Jeder Mensch ist ein Mensch wie WIR!

Nun wird die Schule wohl bald eher landschaftliche Auffälligkeiten im Namen tragen. Angedacht ist eine Benennung nach dem nahe gelegenen 658,3 Meter hohen Wilzenberg. Der Name der Christine-Koch-Gesellschaft, also dem größten Literaturverein in NRW, bleibt aber bestehen. Zumindest hat bisher noch niemand laut darüber nachgedacht. Auch nicht der Geschäftsführer der Christine-Koch-Gesellschaft, der im Übrigen Bürgermeister der Stadt Schmallenberg ist. Hier muss die Frage erlaubt sein, was wohl heute diejenigen Autor*innen darüber denken würden, die zur Zeit von Christine Koch lebten, die den Faschismus ablehnten und deren Bücher und Gedichte durch die Nazis verboten und verbrannt worden sind. Was würden heute die Schriftsteller*innen sagen, die damals heimatlos geworden ins Exil geflohen sind und in einer fremden Sprache weiterschreiben mussten, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen? Was würden all jene Literat*innen, darunter auch Lyriker*innen und Heimatdichter*innen fordern, die in die Konzentrationslager der Nazis verschleppt und ermordet wurden? Und nochmal: Wie groß darf eine Verfehlung, wie hoch darf die Fallhöhe einer Dichterin sein, so dass eine Umbenennung – auch eines Literaturvereins – gerechtfertigt erscheint? Hier kann ein Literaturverein genau das tun, was man in und von einer Schule tun sollte: etwas lernen.

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