Vorbild Billerbeck: Aufklärung im (angeblich) „postfaktischen Zeitalter“ – Ein Interview mit Thomas Nufer und Dirk Schubert

Eine der drängenden Fragen der Umweltbewegung ist, wie man die Menschen für Umwelt-, Natur- und Klimaschutz sensibilisiert. Ein Projekt war nun gerade dabei äußerst erfolgreich: Unplastic Billerbeck. Ein Jahr lang wurden die Menschen in Billerbeck über die Folgen des Plastikverbrauchs aufgeklärt. Mit Erfolg. Wie es zu diesem Erfolg kam, zeigt dieses Interview, das ich gerne mit den Initiatoren Thomas Nufer und Dirk Schubert geführt habe. Wenn ihr Fragen habt, postet sie gerne in den Kommentaren. Lg, euer Jörg!

Hallo Thomas, Hallo Dirk, ihr habt mit eurer Unplastic-Kampagne den Plastiktütenverbrauch in Billerbeck um 70 Prozent gesenkt. Ihr habt dafür nicht nur den Plastiktütenmann erfunden, sondern auch ein Musikvideo nachgelegt. Warum ausgerechnet ein Musikvideo?

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Dirk Schubert

Dirk Schubert: Mr. Unplastic wurde von den Menschen in Billerbeck sehr stark wahrgenommen. Er war derjenige, der die Idee einer plastiktütenfreien Stadt nach außen trägt. Und da wir auch junge Leute erreichen wollten, war für uns klar, dass wir ein Musikvideo als Transportmittel nutzen wollten. Musik verknüpft mit Bildern bleibt im Kopf – und wenn der Song gut ist, auch im Ohr. Ein Musikvideo kann außerdem in sozialen Netzwerken gut geteilt werden. Und da das Projekt „Unplastic Billerbeck“ schon seinem Ende zuging, sah ich das Video auch als eine Art Erinnerung an die zentrale Botschaft des Projekts: „Die Plastiktüte ist überflüssig. Wir brauchen sie nicht mehr.“

Und wie passte der Song in das Gesamtkonzept des Modellprojekts „Unplastic Billerbeck“?

Dirk Schubert: Alle unsere Maßnahmen dienten dazu, auf ungewöhnliche und skurrile Art, aber vor allem unterhaltsame Weise, daran zu erinnern, dass man von der Plastiktüte auf umweltfreundliche Taschen umsteigen kann. Ein Lied, das ins Ohr geht, geht auch ins Hirn und ins Herz und hilft so, dass die Idee des Umstiegs im Gedächtnis bleibt. Alle Aktionen dienten letztlich dem Ziel den Plastiktütenverbrauch in der Stadt innerhalb eines Jahres um 30 Prozent zu senken. Vor diesem Hintergrund haben wir auch das Gaia Institut der BITS-Hochschule eingeladen das Projekt wissenschftlich zu begleiten und zu bewerten.

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Thomas Nufer

Thomas Nufer: Das Bewusstsein der Menschen nimmt bekannte Dinge leider kaum noch wahr. Die Leute sind medienüberlastet und oft im medialen Dauerkonsum. Deshalb kann man sich mit einem solchen Projekt wie „Unplastic Billerbeck“ nur absetzen, wenn man schräge Dinge tut, die zunächst nicht verstanden werden, die aber so interessant sind, dass man sich dann doch damit beschäftigt.

Auch wenn das Lied poppig daherkommt, ist das Thema ziemlich ernst. Man sieht es im Video deutlich im Gesicht des Hauptdarstellers Steffen Hertz, der den Mr. Unplastic verkörpert und der in dem Musikvideo häufig doch eher traurig dreinschaut.

Thomas Nufer: Die Beerdigungsszenerie ist allein schon deshalb irritierend, weil sie niemand erwartet. Im Zentrum einer Beerdigung steht die Trauer. Manchmal ist es schmerzhaft, sich von alten Gewohnheiten zu befreien. Aber dann, wenn man es geschafft hat, erkennt man die wahre Schönheit. Viele Menschen haben zu Plastiktüten eine Hassliebe. Wir wollen den Menschen helfen, sich endlich von ihr zu trennen.

Dirk Schubert: Wir haben den Billerbecker Liedermacher Klaus Foizik gefunden, der uns den Songtext geschrieben hat. In seinem Text wird die Kritik am Umgang mit Plastiktüten deutlich angesprochen. Wir hätten auch verendete Vögel zeigen können oder schreiben können „Plastik tötet“. Aber wie unser ganzes Modellprojekt soll auch dieses Video unterhalten und leicht zugänglich sein. Auch klare Worte waren uns in diesem Zusammenhang wichtig.

Wie lange hat es gedauert bis der Song im Kasten war? Wie lange habt ihr für das Video gedreht?

Dirk Schubert: Die Vorbereitungen haben schon mehrere Wochen gedauert. Wir mussten beispielsweise einen Ort suchen, wo wir das Grab ausheben können und haben ihn auf dem Gelände der Gemeinschaftsschule Billerbeck gefunden. Dass ich im Song die Gitarren eingespielt habe, hat echt Spaß gemacht. In den 80igern und Neunzigern bin ich mit eine erfolgreichen Pop- und einer r&b –Blackmusic-Band unterwegs gewesen; Plattenverträge, Konzerte, Aufnahmen.. …ein großes Vergnügen. Die Aufnahmearbeit hat mich ein bisschen an diese Zeit erinnert.

Das Musikvideo ist voller christlicher Symbole. Es gibt Gräber, eine Beerdigungsszene, Trauer, Kirchen und sogar einen Pfarrer. Wie ist das zu deuten und ist der Pfarrer echt?

Thomas Nufer: Nein, es war kein echter Pfarrer, sondern ein guter Freund von mir. Das Video lebt von Ironie und Übertreibung, denn ich wollte als Regisseur dem doch eher braven Text etwas Irritierendes entgegensetzen. Religiöse Symbolik bewegt mich schon lange und ist seit jeher auch Teil meines Schaffens. Einmal habe ich im Auftrag der Hospiz-Bewegung zwölf Särge in die Innenstadt von Münster gestellt. Das war zwischen Kaufhof und Karstadt, und darin lagen zwölf Menschen, die als sprechende Tote eine Rückschau hielten auf ihr Leben – mit geschlossenen Augen und bewegungslos. Wer sich also den Gräbern näherte, konnte sich die gesprochene Rückschau der Toten selbst anhören. Die Passantinnen und Passanten bekamen durch die Konfrontation eine Ahnung von der Vergänglichkeit aller Dinge und dass wir lernen sollten, zu verzeihen und zu vergeben, bevor es zu spät ist. Wir sollten, so lange wir es können, Freude schenken. Deshalb hieß der Titel des Kunstwerks auch „Schenke die Blumen beizeiten.“

Warum hat das Projekt in Billerbeck so viel Aufmerksamkeit erregt?

Thomas Nufer: Das lag an den einzelnen Elementen der Kampagne die sich gegenseitig ergänzten und verstärkten. Die Leute wurden von Mr. Unplastic direkt in der Fußgängerzone angesprochen und interagierten mit ihm. Sie haben ihm buchstäblich ihre letzte Plastiktüte gegeben und sich mit einem schriftlichen letzten Gruß von ihr verabschiedet. Diese letzten Grüße wurden in der Stadt aufgestellt und waren so für alle sichtbar. Mr. Unplastic war als lebensgroßer Aufsteller in zahlreichen Geschäften und Einrichtungen der Stadt präsent. Auch in Supermärkten. Die Schulen haben dazu gearbeitet. In der Gemeinschaftsschule Billerbeck gab es eine ganze Projektwoche zu diesem Thema, an der alle Klassenstufen teilgenommen haben.

Dirk Schubert: Im Programm war auch „Unplastic live!“, eine Veranstaltung, bei der nicht nur ein Exorzist auftrat, der die Plastiktüte aus den Köpfen der Menschen in Billerbeck verbannte; auch die bekannte Band „Die Nikoläuse“sind aufgetreten. Die Nikoläuse hatten eigens für uns ein Lied über den Verzicht auf Plastiktüten geschrieben. Besonders eindrucksvoll war der Bericht von Hans-Peter Ammann, bekannt als Schiffskoch aus dem Film „Windstärke 8“, der darüber berichtete, wie er mit seinem Schiff in einen Strudel voller Plastikmüll geraten war. Mehrere Tage lang sind die nur durch Plastik geschwommen. Ein großer Schock für die gesamte Crew! Wichtig war auch, dass überall in der Billerbecker Innenstadt riesige Banner hingen, auf denen sich Persönlichkeiten der Stadt über Plastiktüten äußerten. Von Fleischereifachangestellten bis zur Bürgermeisterin waren alle dabei.

Wie geht es jetzt weiter mit „Unplastic Billerbeck“?

Dirk Schubert: Mit dem Video geht unsere Botschaft durch dieses musikalische Medium über Billerbeck hinaus. Jetzt können sich auch Leute in anderen Städten den Mr. Unplastic anschauen und – so hoffen wir – inspirieren lassen.. Denn wir wollen ja die Menschen zu einer Verhaltensänderung im Hinblick auf die Plastiktüte motivieren. Das ist das zentrale Ziel des Projekts. In Billerbeck haben wir das schon sehr gut erreichen können. Das belegen die wissenschaftlichen Auswertungen.

Wie wichtig ist es eigentlich, dass die Stadtpolitik hinter einem solchen ambitionierten Projekt steht?

Thomas Nufer: Das ist die Grundlage. Wir konnten uns nur auf dem Boden des Beschlusses des Stadtrates bewegen. Der Umweltausschuss der Stadt hat das Projekt einstimmig angenommen. Danach hat der Stadtrat mit großer Mehrheit zugestimmt. Das war sehr bemerkenswert und es wurde schon in der ersten Sitzung, in der über das Projekt gesprochen wurde, deutlich, dass wir bei den Billerbeckerinnen und Billerbeckern offene Türen einrennen.

Das Interview führte Jörg Rostek.

Und schließlich: Die Bilanz von Unplastic Billerbeck in der Lokalzeit des WDR.

Posted in: Umwelt

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