Die WM und der ungestörte Friede

Der US-amerikanische Philosoph und Pädagoge John Dewey schrieb: die „Suche nach Gewissheit ist eine Suche nach einem ungestörten Frieden“. Die deutsche Gesellschaft ist eine Konkurrenzgesellschaft. Zahlreiche Gruppen und Verbände buhlen um Aufmerksamkeit und tragen im gegenseitigen Wettbewerb mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln die verschiedensten Konflikte aus. Innen- und außenpolitisch nur ungeklöste Probleme. Mindestlohn, NSU-Affäre, Auslandseinsätze der Bundeswehr, Hartz IV, Ukraine-Rußland-Konflikt, Flüchtlingsdramen an den Küsten Europas, Abhörskandale, Kindesmißbrauch…

Der Fußball ist eine willkommene Abwechslung und Gegenstück zur uns täglich umgebenen Unübersichtlichkeit der Dinge. Er ist leicht zugängloch, Freund und Feind sind an ihrer Kleidung erkennbar, es gibt nachvollziehbare Spielregel und die Handlungsabläufe sind meist direkt und übersichtlich. Die Methaphysik des Fußballs mit all ihren eingängigen Ritualen, standhaften Helden und spannenden Geschichten befriedigt unsere Sehnsucht nach der unkomplizierten und leicht zu liebenden Welt, nach innerem Frieden und Harmonie.

Die FIFA-Fußball-Weltmeisterschaft setzt da noch einen obendrauf. Sie simuliert die Vereinigung der Welt auf dem Fußballfeld und trennt sie wiederum nach Staatsbürgerschaften. Wo einst Menschen gegeneinander arbeiteten und getrennte oder gar gegensätzliche Ziele verfolgten, sind nun alle unter einem Trikot und hinter einer Fahne vereint. Die Weltmeisterschaft in Brasilien sorgt zusätzlich für exotischen Flair. Eine Sambatänzerin da, ein Ureinwohner da. Einerseits im idyllischen Garten grillen oder gemeinschaftlich beim „public viewing“ die Sau raus lassen; selten konnte man sich derart weltoffen ins Private zurückzuziehen und gleichzeitig risikolos am Weltgeschehen kollektiv teilnehmen. Gleichzeitig hat die Konstruktion von „Heimat“, von „Nation“ und des „Vaterlandes“ wieder Konjunktur. Keine lästigen Debatten oder knifflige Entscheidungen; nur der eine geniale Pass und dann der gerade Schuss ins gegnerische Tor.

Das ist der Grund, warum die FIFA so erfolgreich ist und das ist es, was die FIFA weltweit erfolgreich verkauft und was Milliarden Menschen, selbst wenn es auf brasilianischen Straßen demnächst Tote geben wird, in den kommenden Wochen infantil konsumieren werden: die Illusion vom ungestörten Frieden.

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